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Zeitzeugenberichte - Kuise Vössgen

 

Luise Vösgen

wurde am 4. Februar 1918 in Heiden geboren worden und wohnt heute in ihrem Haus an der Ecke
Hauptstraße / Niewalder Straße

Am 29. Januar 2008 sprach Manfred Hempelmann mit ihr über ihre Erinnerungen im Zusammenhang mit dem Freibad Heiden.

 

Frau Vösgen, ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich von vielen Mitbürgern die Information erhalten habe, sie könnten viel aus dem alten Dorfleben erzählen:

Dieser Berkenkamp war gelernter Bäcker und ist vor dem Kriege nach Amerika gegangen. Wie der Krieg ausbrach, hat der Vater rasch hingeschrieben: “Junge du musst wiederkommen, wir sind im Krieg“. Der hat geschrieben: “Macht ihr man Krieg, ich bleibe in Amerika“. Und wie es denn so geht, wurde er nach dem Krieg in Amerika enteignet und musste da arbeiten, das wies ich von meinem Vater.

Er hatte für seine Mutter in der Bachstrasse in Detmold ein schönes Haus gekauft mit einer Pflegerin und ich weiß auch noch, wie die Steuerberater vor dem Kriege da immer hingingen. Da war ich noch Kind und mein Vater nahm mich nicht mit dahin. Da ich die Jüngste war, nahm er mich sonst überall mit hin, aber dazu sagte er: „Das ist deine Sache nicht“. Jedenfalls gehörten auch die Grundstücke oberhalb der Badeanstalt den Berkenkamps, da wo jetzt die Siedlung steht.

Das Freibad wurde dann nach dem Motto „Heil Dir im Siegerkranz“ gebaut, alles was Schüppe hatte war da. Das Werkzeug musste jeder mitbringen, das hatte ja jeder zuhause. Gearbeitet wurde nach Feierabend, die sind nach Hause gekommen haben ein bisschen gegessen und getrunken und dann haben sie sich an bestimmten Tagen versammelt und „schüpp schüpp hurra“. Jeder, der auch nur eine Stunde Zeit hatte, ging dahin.

Mir ist nicht bekannt, ob es einen gab, der die Sache geleitet hat. Vielleicht weiß Martin Kaup noch was davon, der war ja auch dabei, als die Halle auf dem Friedhof gebaut wurde.

Wie der Aushub aus der Grube herausgekommen ist und wohin, ist ihr nicht bekannt.

Der alte Baier war ja nun der erste Bademeister, das war ja der reinste Kindergarten da, die Kinder brauchten keinen Schwimmunterricht. Die Frau Baier war da auch zwischen. Des Abends um 10 sind wir damals oft noch kostenlos dahin gegangen, (Lacht) aber das gibt es ja heute auch noch.

Es ist damals auch so allerhand passiert, meine Tochter ist auch vom 3er gesprungen und … ja…wenn wir unsere Kinder suchten, waren die in der Badeanstalt, da sagte mein Mann noch: „Das Biest kommt nach Haus hin, ich werde der helfen“, aber sie war heruntergestürzt. Also da war ein 3er gebaut, aber keine Seitenteile und sie sagte: „Du da kam einer hinter mir und hat mich ein bisschen geschubst und da bin ich `runtergefallen“.  Es war noch ein Glück, sie ist nicht auf die Kante geschlagen, sie ist mehr ins Wasser gefallen und da haben sie sie herausgezogen.

Sie kam nach Haus hin, sie brachten sie, der Arzt kam und sagte: „Die muss ins Krankenhaus herein“. Sie hatte eine Gehirnerschütterung und ist 6 Wochen da gewesen. Wir können froh sein, das es so abgegangen ist.

Und dann ging es darum: Wer soll das bezahlen? Das muss dann wohl die Gemeinde Heiden mit bezahlt haben, weil der 3er unbegrenzt war nach der Seite. Das muss 1954 gewesen sein, da ging sie schon in die Schule. Da rief der Verwaltungsmitarbeiter Müssmann an, dem habe ich gesagt: „Da kann ich doch nichts für tun, wenn die da hin geht“. Hin und her. Ich bin mir nicht sicher, ob er mir Vorwürfe machen wollte. Letzten Endes sagte der dann: “Hauptsache, Sie wird wieder gesund.“ Jedenfalls, der 3er wurde abgebaut, sofort.

 

Hier wird das Problem deutlich:

Links der erste Sprungturm, der nach dem Unfall abgebaut wurde. Der sofort neu errichtete Sprung- turm hatte Absicherungen an den Seiten, die von Schmiedemeister Rehme erstellt worden waren.

Die Frau Baier, die konnte mit Kindern umgehen, der reinste Kindergarten war da. Immer wenn man Kinder suchte, waren die in der Badeanstalt, da waren sie auch gut aufgehoben. Die gingen da gerne hin und schwimmen hatten sie alle gelernt und konnten schwimmen wie die Ratten. Wenn die da ein paar Mal hingingen, da wurde gar nicht gefragt, Baier lernte sie schon an.

Das war ein Flüchtlingsehepaar aus dem Ruhrgebiet wie sie im Buche stehen, die Baiers. Im Herbst konnten wir dann unsere Handtücher und alles wiederholen, die die Kinderchen da liegengelassen hatten. Konnte jeder kommen und seine Sachen wiederholen (lacht).

Else Schröder, nee, Else Möws, bei Meerkötter ist die Tochter und die älteste Tochter, das war ja Frau Stukenbrok. Die jetzige Frau Meerkötter, das sind da die Großeltern von. Ja, die sind alle hier geblieben.

Wenn man damals 9000 RM gesammelt hatte, dann war das eine Leistung, denn Geld hatten wir alle nicht, wenn da schon mal eine 1 Mark gab, denn war das schon viel. Im Freibad war immer lange Betrieb, manchmal Tag und Nacht.

Wir wohnten da oben bei Schröders und wenn wir unsere Kinderchen suchten, da ist so mancher aus dem Wasser gezogen worden, auch die jetzige Frau Kindermann ist mal gerettet worden. Dann bekuckten sie die Kinder denn und dann gab es Schelte oder manchmal noch eine an den Hals. Da wurde nicht groß drum gefragt.

Damals gab es ja auch kein Kindergeld.

Damals gab es so notdürftig zurechtgemachte Holzhütten zum Umkleiden. Wir gingen ja des Abends dahin. Ich war ja so nahe dabei. Ich konnte immer da hingehen, wenn wir erst auf dem Feld so bis des Abends um 9 Uhr gearbeitet hatten, noch anschließend.

Wenn wir nach Hause kamen und hatten Feierabend, da musste ja noch auf dem Felde gearbeitet werden. Es musste ja auch was auf dem Tisch sein.

Wenn man Land hatte, hatte man alles, gehungert haben wir nicht. Manchmal haben wir aber auch dafür geklaut (lacht), Obst und das. Kleindiebe, wie die Raben aus dem Buche. Jedenfalls, da tat der eine dem anderen nichts.  

So wie meine Tochter, die ging nach Büngener (damals Blusenfabrik) nach Lage zum Nähen und da war der Rustige da, und einmal kommt Brigitte an, sie hat ein Fahrrad und einer musste das halten und da standen noch die Bäume an der Strasse nach Lage und einer musste da rauf und die Äpfel runterholen. Da kam Rustige daher und hat sie erwischt und hat sie aufgeschrieben. Da ist mein Mann dahin gegangen: „Du, hör mal, Du willst doch wohl meine Tochter nicht aufschreiben, dann musste Du ja Alle aufschreiben“. (Fröhlich)Ja, so wurde das gemacht. Solange wie das so harmonisch zuging, ging alles gut.

Der Karl Dietz, der soll damals viel gespendet haben, aber er wollte nicht genannt werden. Der tat viel schieben und so. Gibst Du mir, geb´ ich Dir. Material zum schieben für die Badeanstalt kriegte er von allen was in Heiden, der eine hatte dies, der andere hatte das. Manche konnte damals auch nur ihre Kraft hergeben. Es durfte nur alles nicht herauskommen. Es war alles unter sich. Die Badeanstalt ist so, dass kann man wirklich sagen, auf freier Basis entstanden.

Einmal kam Pott, der hatte hier nebenan die Kohlenhandlung, der hatte ein paar Briketts verloren, die wurden in den Kinderwagen gepackt. Die Kinder mussten laufen. So wurde es gemacht. Oder ich bin ein paar Mal nach Lage gewesen, an der Seite 2 Taschen sitzen und hinten saß das Mädchen auf dem Fahrrad und dann sagte der Schutzmann in Lage „Ihr wollt doch wohl nicht so fahren?“ „Nööö“ sagten wir und wenn wir aus Lage heraus waren, dann sind wir trotzdem schön langsam gefahren, damit den Kindern nichts passierte.

Wenn wir hörten, dass es irgendwo was gab, Holz zu klauen, dann waren wir da.

Nachts zogen wir los, wenn uns die Bauern so nichts geben wollten. Tags wurde es auf einen Haufen gelegt und des Abends haben wir es uns geholt.

Bevor das Freibad da war, haben wir im Oetternbach gebadet. Da gab es auch tiefe Stellen, in Niewald und auch anderswo. Da hatte damals keiner was darauf entgegen. So tief zum schwimmen nicht, aber zum waschen und planschen.

Wir taten das damals so machen: Ich bin Jahrgang 18, da gingen wir, als wir in die Schule gingen immer zum Rübenverziehen, Diestelstechen, Kartoffeln aufsuchen und die Jungens mussten die dann heraufbringen. Und wenn man dann verschwitzt war im Sommer, dann gingen wir immer in den Oetternbach. Da hatten wir Mädchens da so eine Hecke, da zogen wir das alte Zeug aus und anderes an, da waren wir frisch. Solche Dummheiten wie heute gab es da nicht. Ich glaube, das hätte sich auch kein Junge so gewagt. Wir waren ja zu doof, das es 2er Menschen gab. (Lacht)

Also, wenn man sich das zu heute überlegt.

Die Kinder konnten jedenfalls damals alle nicht schwimmen. Das haben die erst da in der Badeanstalt gelernt. Deswegen bin ich auch darauf entgegen, die Badeanstalt ist auf solcher Basis entstanden, wenn Heiden die fallen lässt, dann sind sie verratscht.

Hier sieht man Luise Vösgen (Mitte) um 1930 zwischen Frau Klostermeier und Frau Böger. Das Haus wurde 1976/77 abgerissen, die Eheleute Pölker bauten auf dem Grundstück an der Hauptstrasse ein neues Haus.

Wenn wir wo nicht hinsollten…. Wenn wir des Morgens zur Schule sollten, dann kamen wir am alten Konfirmandensaal vorbei, der ist später weggekommen, das war immer ein Drama. Da war Frau – wie hieß sie denn damals, was für einen Pastor hatten wir denn damals (denkt nach)– Frau Reichardt, die war geizig, die Frau. Nein – und die hatte doch solche schönen Roggenäpfel  auf solchen schönen Bäumen, die so früh waren.

Dann warteten wir des Morgens auf die Jungens, die brachten lange Stöcker mit und wir haben die Äpfel aufgesucht.

Lehrer Stock und Lehrer Wolf, die konnten sich nicht vertragen, die hatten verschiedene Ansichten. Dann waren wir jedenfalls nicht eher zufrieden, bis sie (Frau Reichardt) da in ihrem Morgenrock in der Deelentür stand und dann gingen wir zur Schule.

Dahinter waren da nur die kleinen Gärten, da wo heute die Siedlung ist (Kantorstrasse und Rotenbergring), da hatten wir alle kleine Gärten. Jeder, der kam, kriegte da einen Garten, das kostete nicht viel, ich glaube 8 Mark vor dem Kriege. Das blieb auch nach dem Kriege so und später erst ist das Baugelände gekommen.

Das war prima, die Kinder haben sich denn alte Decken mitgenommen und Görder Friedel, der hatte an der Hecke Bäume, Obstbäume gepflanzt, Pflaumenbäume und so, ja die brauchte er auch nicht zu pflücken. Aber der sagte nichts dazu. War in Ordnung.

Nur wenn es denn allzu doll wurde, dann kriegten wir auch mal ne Tracht Schläge von Lehrer Stock. Die Jungens öfter, die Mädchen mussten dafür abschreiben. Lehrer Stock und Lehrer Wolf, die konnten sich ja vertragen und wenn der Reichardt bei Lehrer Wolf Bescheid sagte, sagte der zu uns, Kinder, geht doch in meinen Garten. Da liegen doch Äpfel genug. Nein, das waren aber doch nicht die Roggenäpfel.

Lehrer Stock sagte: Ich habe meine Kinder erst ab 8 Uhr, was die vorher machen, interessiert mich nicht. Es wurde auch erzählt, Lehrer Stock und Pastor Reichardt sprechen nicht miteinander. Wenn ich meinen Vater danach fragte, antwortete der: „Das geht dich nichts an“. Das wurde unter den Tisch gekehrt. 

Als Hitler dann kam, war es ein bisschen anders, dann konnte man keinem mehr vertrauen. Der Reichardt hat da eine Predigt gehalten und da haben welche vor der Tür gestanden und wollten ihn verhaften. Ja, er hätte das und das gesagt. Er hat geantwortet: „Selbstverständlich ist das so, aber ich habe für die ganze Menschheit gebetet und gepredigt“. Dann war Ruhe.

Vor dem Krieg hatten wir wohl weniger anzuziehen, aber zu essen hatten wir immer genug.

Mit den Lehrern, das war damals so eine Sache, unsere Tochter war in die Schule gekommen, der Lehrer fragte: „Wie heißt das 5. Gebot denn Brigitte?“

„Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren und wenn die dich schlagen, dann sollst du dich wehren, dass sie die Augen im Kopfe verkehren!“

„Und wer hat Dich das gelernt?“

„Mein Oppa und der sagt die Wahrheit!“

In der Waschanstalt hat es auch mal einen Unfall gegeben, das war aber natürlich ein bisschen verschulden. Da wohnte ein Mieter zusammen im Hause und die Frau stand nur in der Waschanstalt und hatte nichts weiter zu tun, als (auf gut deutsch) zu quatschen. (Sinniert: Ach sie liegt ja lange in der Erde) Dann ist der Junge nachgekommen und ist in heiße Lauge gefallen und ist auch gestorben. Er war noch nicht mal 3 Jahre alt. 

Auch wenn es bei diesen Erzählungen nicht immer um das Freibad geht, so sind sie es doch alle wert, hier aufgeschrieben zu werden. Danke, liebe Frau Vösgen.