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Zeitzeugenberichte - Else Mörs

Else Mörs

wohnt an der Marktstrasse 15 und ist geboren am 7. Februar 1918. Sie ist eine Tochter von Otto Baier, der von 1949 bis 1956 Bademeister in Heiden war.

Am 30. Januar 2008, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, erzählte sie Manfred Hempelmann von ihren Erinnerungen an ihre Eltern im Zusammenhang mit dem Freibad Heiden. Sie ist froh, in ihrem Alter noch geistig und körperlich rege sein zu können, führt ihren Haushalt allein und kocht auch noch für sich selbst. Hier die wesentlichen Ausschnitte als Erzählprotokoll.

Als mein Vater 1949 im Freibad anfing, hat meine Mutter gleichzeitig einen Kiosk im Freibad eröffnet, mit Süßigkeiten für die Kinder und Getränken und so weiter. Der war direkt am Eingang in einer Art Baracke.  Es waren dort 2 provisorische Häuschen, in einem konnte man sich umkleiden und in dem anderen war meine Mutter. Es war alles ziemlich primitiv in dieser Zeit. Wenn kleine Blessuren bei den Kindern entstanden waren, hat sie diese verbunden oder mit Pflaster versorgt. Es passierte da viel, die haben sich ja oft gestoßen. Es war da alles sehr rau, oder sie sind irgendwo reingetreten.

Mein Vater hat eben sehr vielen Kindern auch das schwimmen beigebracht.

Es war ja immer viel los. Am Anfang, als das Bad eröffnet wurde war es wohl der Hauptschlager in Heiden und Umgebung, kann man wohl sagen. Es kamen ja sehr viel Kinder aus der Umgebung und so war es fast immer voll, wenn das Wetter dementsprechend war.

Es gab ja kein fließendes Wasser, daher musste jeden Morgen das Wasser mit einem Netz sauber gemacht werden. Und des Abends - ja die Kinder waren damals auch so, es wurde alles liegen gelassen auf dem Rasen. Ich musste dann auch mit helfen, die ganze Badeanstalt abzusuchen, damit am nächsten Tag wieder alles sauber war.

Meine Mutter hat die liegen gebliebenen Handtücher, Badehosen und -anzüge, sowie sonstige Bekleidung alle gewaschen und sortiert und dann konnten sie sich die Sachen alle wiederholen.  

Das Wasser musste seinerzeit gechlort werden, aber nicht so viel wie heute. Aus dem Bach lief außerdem immer etwas frisches Wasser in das Becken. Oben vom Rotenberg herunter kam der Bach und im war Becken ein Rohr, da lief immer etwas Wasser rein. Aber dadurch war das Wasser auch eben sehr kalt, dafür aber nicht so stark gechlort wie sonst. Aber etwas Chlor musste immer herein.

Nach einer gewissen Zeit wurde das Wasser abgelassen und dann war die Badeanstalt 2 Tage zu. Danach wurde das neue Wasser wieder hereingelassen.

Man konnte die ganze Saison nicht das Wasser im Becken lassen, 1 x wurde es entleert. Das weiß ich noch. Dann stieg mein Vater in das Bassin und meine Mutter auch noch mit und die haben das aller sauber gemacht und dann kam wieder neues Wasser herein. (Ob es dazu einer Vorratsteich gab, konnte sie nicht erinnern)

Da mein Mann gefallen war, habe ich zu der Zeit ja auch gearbeitet.

Meine Eltern sind durch mich hier nach Heiden gekommen. Mein Mann ist geborener Heidenser - Paul Schröder – von der Reihe. Wir wohnten ja in Dortmund und haben auch dort geheiratet. Das Geschäft in Dortmund, wo ich gearbeitet habe, wurde ausgebombt. Es war dort ja so schlimm mit diesen Bombenangriffen, da bin ich hier zu meinen Schwiegereltern gekommen nach Heiden. Hier habe ich gearbeitet in Detmold an der Ortskrankenkasse.

Als ich in Umständen war, fiel mein Mann am 4. August 1944 im Krieg, am 7. Dezember wurde mein Sohn geboren. Da haben mich meine Eltern nach Dortmund geholt, mein Sohn ist also in Dortmund geboren.

Aber ich bin dann nach 3 Wochen wieder mit dem Kind nach hier gekommen, denn immer in einen Bunker zu gehen, das war ja nichts. Dann sind meine Eltern in Dortmund ausgebombt, gleichzeitig kriegte ich hier eine Wohnung „An der Reihe“ in einem alten Haus, da wo jetzt Kindermanns wohnen. Meine Mutter kam dann zuerst da hin, mein Vater war Fahrer bei der Dortmunder Union und blieb daher erst noch in Dortmund, kam dann aber, weil da auch nichts mehr war, kein Sprit mehr und so, auch hierhin. Dadurch sind meine Eltern nach Heiden gekommen.

In dieses Haus zog Frau Mörs Ende des 2. Weltkrieges.

1977 haben es Kindermanns

„An der Reihe 3“ umgebaut.

Außerhalb der Badesaison war mein Vater dann bei der Zuckerfabrik im Winter und auch bei der Mühle Steinhage als Fahrer. Er hatte das DLRG Sportabzeichen und den Rettungsschwimmer, daher durfte er den Posten als Bademeister übernehmen.

So konnte er auch Kindern das schwimmen beibringen, was er mit Freuden gemacht hat. Meine Eltern waren beide sehr kinderlieb und haben sich so um die Kinder in der Badeanstalt gern und intensiv gekümmert. Sie waren beide auch bei den Erwachsenen sehr, sehr beliebt.

Mein Sohn hat mit 4 Jahren damals schon das schwimmen gelernt und sprang auch schon in diesem Alter vom 3 m Brett. Da war damals sogar die Presse hier, die wollten das nicht glauben. Es war so ein kleiner, ganz schwarzhaariger Junge. Das stand dann von der Badeanstalt ganz groß in der Zeitung. Leider habe ich das Bild heute nicht mehr. Aber dadurch wurde die Badeanstalt natürlich noch bekannter in der Umgebung. 

Mein Sohn hat auch eine Sondergenehmigung erhalten, seinen Rettungsschwimmer früh zu machen. Das konnte man erst ab einem gewissen Alter, aber er erhielt eine Sondergenehmigung, schon vorher die Prüfung ablegen zu können. Das ging aber nicht in Heiden, ich weis heute nicht mehr wo, aber die Prüfung hat er außerhalb abgelegt.

Mein Vater hat das - früher nannte man das Seepferdchen – abgenommen, das war ja das Erste, was sie machen mussten und danach auch das Freischwimmer -abzeichen. Es war schon sehr, sehr voll in Heiden.

Zu dem DLRG Geschäftsführer in Detmold hatte mein Vater auch immer ein gutes Verhältnis. Wer immer sehr schwimmaktiv war, das war Günter Kindermann. Und wer noch sehr aktiv war, das war Walter Tiedemann, der lebt auch noch, ist aber wohl schwer krank.

Und dann ist das ja mit dem Jungen passiert. Der Günter Kindermann, Walter Tiedemann und mein späterer Mann, die sind ja zusammen mit meinem Vater im Becken gewesen und haben den Jungen gesucht, der vermisst wurde. Die 3 sind mit reingesprungen und haben das Kind gefunden, haben Wiederbelebungsversuche gemacht, es war aber zu spät. Der Freund des Kindes, der ist zu spät zu meinem Vater hingekommen. Er hat gesagt, er sieht den überhaupt nicht mehr, die Sachen liegen da noch, weg könnte er nicht sein. „Er ist sofort ins Wasser gesprungen, als wir ankamen und jetzt sehe ich ihn nicht mehr.“ Mein Vater hat sofort das Bad räumen lassen und, das weiß ich noch ganz genau, da sind die 3 mit reingesprungen und haben zusammen mit meinem Vater den Jungen sofort gefunden. Aber es war zu spät.

Das war eine schlimme Sache für meinen Vater. Der war nervlich ziemlich fertig.

Sonst ist eigentlich nichts Großartiges passiert.

Die meisten sprangen damals vom Beckenrand oder vom 1-ner. Vom 3-er sprang ja selten einer. Es war ja insofern auch etwas gefährlich, weil das Planschbecken davor war und es gab keine massive Abtrennung dazwischen. Man konnte unter einem Balken hertauchen. Teilweise waren Senkrechtstaketen angebracht, teilweise aber auch nur ein Balken. Es gab auch mal einen Draht zwischen Schwimmer und Nichtschwimmer.

Da wir „An der Reihe“ wohnten, konnte ich den Bau damals beobachten. Der Berkenkamp lebte damals in Amerika und hat dem Dorf das Grundstück für das Freibad geschenkt. Die Frl. Mathilde Berkenkamp war seine Schwester.

Da ist zunächst mal alles ausgemessen worden, das weiß ich noch. Einen Plan musste es also gegeben haben, die konnten ja nicht einfach drauflos. Das ging ja garnicht. Zunächst mussten auch ein paar Bäume gefällt werden, damit die Liegewiese entstehen konnte und  dahinter war eine Hecke, bevor man auf den Weg kam. Ich glaube der alte Walter Strüßmann, der hat da mitgeholfen. Martin Kaup war damals noch zu jung, ich meine der alte Strüßmann wäre der Leiter der Aktion gewesen. 

Ich weiß auch, dass viele da geholfen gehaben um das Alles überhaupt in Griff zu kriegen. Werkzeug haben alle immer mitgebracht. Erst wurde gearbeitet, dann die Feldarbeit verrichtet und danach war die Badeanstalt an der Reihe, auch samstags und sonntags, das war egal. Man wollte für die Jugend was schaffen.

Das war da unten dann eine Patsche, richtig schwerer Lehm und Wasser wenn es geregnet hatte. Die Erde wurde, wenn ich mich richtig entsinnen kann, mit Lastwagen weggefahren. Schienen waren verlegt worden, auf denen Loren mit Muskelkraft geschoben wurden.

Mein Vater hat auch bei Karl Dietz geholfen als Fahrer, der wohnte ja hier in der Scheune, drüben wo jetzt das Haus vom Friseur steht. Der fuhr immer irgendwo hin und brachte Zement und Kalk mit. Später wurde die Scheune abgerissen, weil gebaut werden sollte, da zog Dietz dann aus. Der hat viel organisiert und hat viel getan für das Dorf, das muss man wirklich sagen. Mein Vater ist oft mitgefahren. Zunächst war er obendrauf, Dietz war ja „der Name“ hier, da er aber zu gut war, hat er viel verloren und war nachher richtig arm.

 

Der hat manchmal Sachen gehabt, wo man sich nur drüber wundern konnte.

Der Beton musste dann mit der Hand gemischt werden. Da standen so Bottiche, in denen wurde gemischt. Nachdem der Boden gegossen war, wurden die Wände Stück für Stück ausgeschalt und nach und nach gegossen. Das musste ja wieder trocknen und es gab nicht so viele Bretter, das alles zusammen zu gießen. Das hat lange gedauert. Vorher wurden Betonplatten gelegt, damit man nicht ausrutschte im Morast, die hat auch Dietz besorgt.

Die Umkleidekabinen waren ganz primitiv, es gab eine Dusche vorweg für alle.

Da mein Vater es am Herzen kriegt, kündigte er die Stelle später. Er war noch auf der Zuckerfabrik und kriegte dann 2 Herzinfarkte und da musste er ganz Schluss machen. Die Badeanstalt ist ihm sehr leid abgegangen, dass muss ich ganz ehrlich sagen. Er hat das sehr gerne gemacht. Aber es ging beim besten Willen nicht, er gefährdete dadurch ja nicht nur sich, sondern die Kinder ja eventuell auch. Daher ging das nicht mehr. Dann kriegte er hoch Zucker und ist mit 70 Jahren schon gestorben. Geboren war er 1898, meine Mutter war älter, die ist 1893 geboren und hat meinen Vater 16 Jahre überlebt.

Zuletzt haben sie in der Wiesenbrede gewohnt und hatten auch einen Garten, damit hatten sie was zu tun. Mein Vater stammt aus der Gegend von Würzburg vom Bauernhof und da sind sie mehrfach hingefahren. Wenn man im Dorf davon spricht, er war ein typischer Ruhrgebietler, so kann man das wohl sagen, denn bayerisch hat er nie gesprochen. Meine Mutter war aber eine typische Dortmunderin.

 

 Besten Dank an Frau Mörs für die lebhaften Erzählungen.